textomio zählt Erbsen ...

 

Als sprachlicher Fauxpas, der durch die Wahl falscher Wörter oder Wortkombinationen, doppeldeutige Bezeichnungen oder ungenaues Übersetzen zustande kommen kann, wirkt die Stilblüte unfreiwillig komisch. Häufig werden einem Lektor so manch wunderbare Lacher kostenfrei mitgeliefert.

Viele Autoren sehen häufig den Buchstabenwald vor Bäumen nicht mehr, nachdem sie schon viele Male über den Text gelesen haben. Ein geschulter Lektor oder Korrektor entdeckt jedoch auch die übersehenen Fehler: Ihm entgeht am Ende in noch so langen Texten nicht, dass beispielsweise die zähen Verhandlungen ergebenslos verliefen, der Schuldner dem Gläubigen die Summe erstattete oder andere interessante Ansätze bislang nur wenig erfroscht sind (ein Quak auf die Forschung!).

Der Arbeitsalltag eines Lektors geht also nicht immer nur bierernst vonstatten. Wenn laut einer Pressemeldung Geschorene das Urteil verlesen, erlebt wohl der Friseurberuf einen ungeahnten Höhenflug. Die biblische Täuferfigur oder sogar der Sensenmann selbst hatten vielleicht ihre Hände im Spiel, wenn etwa die Jugendloichen auf Prospekten vor einem zu hohen Alooholkonsum gewarnt werden sollen oder die großen schwarzen Augen der Romanheldin am Ende gar eine täuflische Wirkung haben.

Wenn Unternehmen laut ihrer Jahrespläne trächtige Werbeerlöse abschöpfen wollen, wird es wirklich Zeit, den »fertigen« Text doch noch einmal dem Adlerauge von textomio zu überlassen. Denn mir entgeht nichts. Ein guter Lektor hilft sogar bei der Berufsgestaltung: Richtig peinlich kann es in einem Anschreiben für einen Bewerber werden, wenn dieser sich im bewunderten Unternehmen (vielleicht nach einem durchzechten Wochenende?) zu Schicht- und Nacktarbeit bereit erklärt und dort mit Sicherheit nie im Leben auch nur einen Fuß in das Büro des Personalers setzen wird.

Lyrische Ergüsse erfreuen den Lektor von Zeit zu Zeit, wenn es beispielsweise heißt: »[…] ihre Augen sprühten schier, gelochtes Haar fiel ihr ins Gesicht […]«, und er dann mit dem Gedanken spielt, den Locher vom Schreibtisch sogleich mal probeweise am eigenen Langhaar-Meerschwein auszuprobieren.

Auch eine gute Werbeagentur kann und sollte sich ab und zu eine Schlussredaktion leisten, um nicht am Ende Lügen zu verbreiten und gar das falsche Produkt, beispielsweise Gelügelbrühe, zu bewerben  das ist alles schon (fast) passiert.

Learning by Dong ist hier wirklich nicht die richtige Lösung: Ein Profi muss her! Der Lektor und Korrektor sieht, was andere längst nicht mehr wahrnehmen, leider auch in seiner Freizeit: auf Speisekarten oder Verpackungen, auf Werbeplakaten, im Fernsehen und in Zeitschriften, Anzeigen, Aushängen ...

Des Lektors Gabe mag manchmal auch ein Fluch sein. Doch letzten Endes ist dieses »Erbsenzählen« etwas, was mich persönlich erfüllt. Und wenn so manche Stilblüte auch wirklich sehr zum Schmunzeln anregt, wird sie am Ende vom Lektor doch nur eines: nämlich getilgt.

 

 

 

private Empfehlung des Monats für alle Leseratten:

Julian Barnes:

»Der Lärm der Zeit«

Kiepenheuer & Witsch, Februar

2017

textomio ist Mitglied im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren.